Rezension – Margaret Atwood: alias Grace

Dies ist eine Buchrezension. Ja, du hast richtig gelesen, es geht um ein Buch. Auf meinem früheren Blog habe ich manchmal Bücher rezensiert und dann für eine Weile aufgehört, neue Bücher zu lesen. Jetzt pendle ich jeden Tag insgesamt eine Stunde mit dem Zug. Meistens lese ich dabei wissenschaftliche Artikel für meine Doktorarbeit. Aber wenn ich gerade ein spannendes Buch lese, dann ist eben das dran.

Und diesmal war es der historische Roman alias Grace von Magaret Atwood. Magaret Atwood wurde gerade von Netflix wieder aus der Mottenkiste geholt. Vielleicht sagt euch der Titel „Der Report der Magd“ (engl. „The Handmaids Tale“) etwas? Dieser dystopische Roman von Atwood aus den Achtzigern wurde jetzt von Netflix als Miniserie neu verfilmt. Auf dem Buchrücken bezeichnet man ihn als „Kultbuch der Achtziger Jahre“. Da kann ich leider nicht mitreden – aber ich lese gerade dieses Buch und vorher habe ich ein anderes von der Autorin beendet. Alias Grace wurde ebenfalls gerade als Netflix-Miniserie verfilmt und hat mein Interesse geweckt.

Es geht um Kanada in der Mitte des 19. Jahrhunderts, um eine Mörderin namens Grace Marks, die sich an das, was sie getan haben soll, nicht mehr erinnern kann. Zunächst wurde sie zum Tode verurteilt, dann begnadigt. Sie saß in einem Irrenhaus und nun im Gefängnis. Von dort wird sie jeden Tag ins Haus des Direktors gebracht, um in seinem Haushalt mit zu arbeiten. Der junge Arzt Simon Jordan möchte sie untersuchen und unterhält sich mit ihr jeden Tag. Sein Wunsch ist es, ihre verschüttete Erinnerung wieder an die Oberfläche zu holen und herauszufinden, was damals wirklich geschehen ist, als die Haushälterin Nancy Montgomery und der Herr des Hauses, Mr. Kinnear, ermordet wurden.

Wir erfahren alles über Graces Leben, die mit 12 Jahren von Irland nach Kanada kam und in verschiedenen Familie als Dienstmädchen diente, bis sie ins Haus von Mr. Kinnear kommt. Die Perspektive wechselt zwischen Grace, die sich genau überlegt, was sie Dr. Jordan erzählen soll, was er wohl gerne von ihr hören möchte, und Dr. Jordan, der dies genau durchschaut, aber nichts dagegen tun kann. Grace baut durch ihr ganzes Verhalten und durch ihre Erzählungen, die dem Leser in der Ich-Form präsentiert werden, ein Bild ihrer Unschuld auf. Sie beginnt bei ihrer Geburt, bei ihrer kränklichen Mutter, bei ihrem alkoholkranken Vater, beschreibt die Lebensumstände ihrer kinderreichen Familie für uns und Dr. Jordan, der als privilegierter Mann dieser Zeit äußerst wenig weiß von der Unterschicht. Recht schnell gelangen wir zur Überfahrt nach Kanada und zum ersten Schlüsselerlebnis in Graces Leben. Ihr Mutter stirbt und ihr Geist kann nicht herausgelassen werden aus dem Schiff, weil das Bullauge nicht geöffnet werden darf, sagt zumindest eine ältere Mitreisende.

Eine der wichtigsten Bezugspersonen für Grace ist Mary Whitney, die zum Zeitpunkt der Handlung leider schon längst verstorben ist, auf eine tragische, aber für die Zeit typische Art. Mary ist die wichtigste Bezugsperson für Grace, und ihr Tod löst den ersten Schock bei der Hauptperson aus, das erste „Vergessen“. Wie wichtig Mary für sie wird, erkennen wir gleich zu Beginn des Buches, noch bevor wir Mary in Graces Erzählungen kennen lernen: der Leser erfährt nämlich auf einer der ersten Seiten, dass Grace Marys Namen auf der Flucht als Alias verwendet hat.

Ab und an bekommen wir einen Einblick in die Gefühlswelt des doch nicht so reichen Dr. Jordan, der unter seiner ihm nachstellenden Vermieterin leidet und immer verzweifelter wird beim Versuch, Graces Erinnerungen zu „entdecken“. Nach und nach überkommt ihn eine seltsame Art von Erschöpfung, je länger er sich mit der Geschichte beschäftigt, fast könnte man meinen, er falle auch dem Wahnsinn an.

Die einzelnen Teile des Buches haben jeweils den Titel eines Quilt-Musters. Außerdem schmückt Magaret Atwood die Geschichte mit Auszügen aus Gedichten und historischen Aufzeichnungen über die echte Grace Marks – wir haben es hier nämlich mit einer wahren Geschichte zu tun. Das lockert die Handlung etwas auf und illustriert die einzelnen Kapitel. Viel passiert eigentlich nicht in „alias Grace“, wir erfahren eher etwas über Menschen.

Margaret Atwood zeichnet ein Gesellschaftsbild von Kanada zwischen 1840 und 1860 für uns. Es bleibt dabei bis zum Ende spannend – hat Grace den Mord wissentlich begangen und verstellt sich nun meisterhaft, log ihr Mitangeklagter und sie war überhaupt nicht beteiligt? Oder ist es wahr und sie war zeitweise wirklich geistig umnachtet, wusste nicht, was sie da tut?

Mich hat es sehr gereizt, das herauszufinden. Euch vielleicht auch? Kennt ihr den Roman oder die Autorin?

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